(E-E) Ev.g.e.n.i.j ..K.o.z.l.o.     Berlin                                                  


      (E-E) Evgenij Kozlov: Leningrad 80s >>


Hannelore Fobo

Kirill Serebrennikov 'Leto'
Eine Einführung

3. Februar 2019
Kino im Schafstall, Schwäbisch Hall

Video und Manuskript des Vortrags mit Bildern

Video der Einführung


Szene aus dem Film Leto von Kirill Serebrennikov
und Zuschauer im Kino im Schafstall,
Foto: Hans Kumpf



Manuskript und Bilder

Zusammenfassung

Leningrad zu Beginn der 1980er Jahre: Kirill Serebrennikovs weitgehend schwarz-weiß gedrehter Streifen handelt von den künstlerischen Anfängen des berühmtesten Rocksängers der vormaligen UdSSR Viktor Tsoi, erweitert um eine fiktive Beziehung zu Natalia, der Frau des Musikers Mike Naumenko, der ihn protegiert.

Die Resonanz auf das gegen Ende 2018 in Deutschland erstmals präsentierte zweistündige Werk verlief kontrovers: „Vielleicht der beste Musikfilm des Jahres“ (SWR-Hörfunk) hieß es da, andererseits äußerten sich Leningrader Rock-Stars von einst sehr kritisch über diese "Moskauer Hipster-Darstellung" bzw. "Fantasy", die eben wenig mit den tatsächlichen Protagonisten jener Zeit zu tun hätte.

Der Vortrag beleuchtet das Verhältnis von Fakt und Fiktion unter anderem mit Hilfe von Material aus dem Archiv des Künstlers (E-E) Evgenij Kozlov, einem der Protagonisten der Leningrader Szene der 1980er Jahre.

Der hier veröffentlchte Text weicht minimal vom Vortrag ab. Fehler wurden bereinigt und einige Zitate auch im Original wiedergegeben.



1.
(E-E) Evgenij Kozlov New Composers and Friends, Leningrad Übermalte Fotocollage, 18 x 23.7 cm, Mitte der 1980er Jahre


www.e-e.eu/1984
(E-E) Evgenij Kozlov
New Composers and Friends, Leningrad
Übermalte Fotocollage, 18 x 23.7 cm, Mitte der 1980er Jahre



Sehr geehrtes Publikum,

Ich freue mich, dass ich heute Abend diese Einführung geben darf. Zunächst einige Worte dazu, warum ich mich mit seit vielen Jahren mit der Leningrader Untergrundkultur der 1980er Jahre beschäftige, wovon der Film „Leto“ zu deutsch „Sommer“ handelt.

Geboren bin ich in Crailsheim, kann diesen Vortrag also jederzeit auf hohenlohisch halten. Außer hochdeutsch habe ich mir im Laufe meines Lebens noch eine Reihe weiterer Sprachen angeeignet, darunter russisch. Studiert habe ich hauptsächlich in Berlin, wo ich in den achtziger Jahren nach meinem Erststudium der Germanistik, Lateinamerikanistik und Politkwissenschaften ein Aufbaustudium „Osteuropa“ absolviert habe.



2.
Fontanka 145, Leningrad 1990 Im dritten Stock links "Russkoee Polee / Das Russische Feld" Atelier des Künstlers (E-E) Evgenij Kozlov


Fontanka 145, Leningrad 1990
Im dritten Stock links "Russkoee Polee / Das Russische Feld"
Atelier des Künstlers (E-E) Evgenij Kozlov

1987 war ich zum ersten Mal in Leningrad, und 1990 lernte ich dort die Kunst- und Musikszene kennen, die ihr Zentrum im Haus an der Fontanka 145 hatte

.


3.
Hannelore Fobo und (E-E) Evgenij Kozlov während der Kunstaktion „Erste Ausstellung der Sammlung 2x3m“, 23. Juli 1990 Schlossbrücke an der Eremitage, Leningrad



www.e-e.eu/Exhibition-Palace-Bridge
Hannelore Fobo und (E-E) Evgenij Kozlov
während der Kunstaktion „Erste Ausstellung der Sammlung 2x3m“,
23. Juli 1990
Schlossbrücke an der Eremitage, Leningrad

In den genialsten aller Künstler habe ich mich verliebt, und Evgenij Kozlov, mit Künstlernamen E-E [gesprochen Ye-Ye], kam zu mir nach Berlin, wo wir seitdem gemeinsam leben.



4.
(E-E) Evgenij Kozlov “The Leningrad Album” Biennale di Venezia, 2013 Hannelore Fobo im Interview für den „Biennale Channel“ Foto: Eleonore Frolov



http://www.e-e.eu/la-Biennale-di-Venezia
(E-E) Evgenij Kozlov “The Leningrad Album”
Biennale di Venezia, 2013
Hannelore Fobo im Interview für den „Biennale Channel“
Foto: Eleonore Frolov

Sein „Leningrader Album“, eine Sammlung früher erotischer Zeichnungen, wurde 2011 im New Museum, New York und 2013 auf der Biennale in Venedig ausgestellt.


5.
(E-E) Evgenij Kozlov КИНО «Начальник КАМЧАТКИ» KINO “Natschalnik Kamtschatki” von liinks nach rechts: Yury Kasparan, Alexander Titov, Viktor Tsoy, Georgy Guryanov LP Cover, Mischtechnik auf Karton, Vorderseite, ca. 31 x 31 cm, 1984



www.e-e.eu/Raw_Cooked/E-E-KINO-LP1.htm
(E-E) Evgenij Kozlov
КИНО «Начальник КАМЧАТКИ»
KINO “Natschalnik Kamtschatki”
von liinks nach rechts: Yury Kasparan, Alexander Titov, Viktor Tsoy, Georgy Guryanov
LP Cover, Mischtechnik auf Karton, Vorderseite, ca. 31 x 31 cm, 1984

E-E war nicht nur einer der führenden Leningrader Künstler jener Zeit, sondern hat auch viele der Musiker und Künstler aus seinem Umfeld auf innovative Weise portraitiert.

1984 gestaltete er mit seinen eigenen Fotoaufnahmen das Plattencover für KINO – die Gruppe, die uns im Zusammenhang mit „Leto“ interessiert, und 1985 die große KINO-Collage.



6.
(E-E) Evgenij Kozlov KINO Collage und Fotografie auf Papier, 80 x 225cm, 1985. The Muzeum Sztuki Collection, Lodz.


www.e-e.eu/Raw_Cooked/E-E-KINOPlakat2.htm
(E-E) Evgenij Kozlov
KINO
Collage und Fotografie auf Papier, 80 x 225cm, 1985.
The Muzeum Sztuki Collection, Lodz.

Man sieht oben die vier Musiker von KINO, links Viktor Tsoy, einen der Protagonisten von Leto. Allerdings bezieht sich der Film auf die Jahre 1981 und 1982, und zu dem Zeitpunkt hatte KINO noch eine andere Besetzung und ursprünglich auch einen anderen Namen.



7.

www.e-e.eu


Ich selbst habe schon vor vielen Jahren damit begonnen, mit Hilfe von Evgenijs umfangreichem Fotoarchiv der 1980er Jahre über diese ausgewöhnlich kreative Periode zu forschen und zu publizieren und auf Konferenzen vorzustellen. Die Ergebnisse findet man auf unserer Webseite www.e-e.eu, oben der Link zu den Leningrader 80ern mehr>>.



8.
Popular Mechanics / Pop Mekhanika 1986 Palast der Jugend, Leningrad Foto: (E-E) Evgenij Kozlov


www.e-e.eu/Pop-Mekhanika-1986
Popular Mechanics / Pop Mekhanika 1986
Palast der Jugend, Leningrad
Foto: (E-E) Evgenij Kozlov

Die Szene war in der Tat sehr facettenreich und passte gar nicht in das Bild der biederen und betulichen Gesellschaft, das die sowjetische Propaganda vermittelte.

Ich zeige hier zwei Fotografien von Evgenij Kozlov von einem Konzert von Pop Mekhanika, Wir sehen seine charakteristische Kratztechnik. Die Konturen sind direkt in die feuchte Emulsion der Negative geritzt.



9.
Popular Mechanics / Pop Mekhanika 1986 Palast der Jugend, Leningrad Übermalte Fotografie: (E-E) Evgenij Kozlov


www.e-e.eu/Pop-Mekhanika-1986
Popular Mechanics / Pop Mekhanika 1986
Palast der Jugend, Leningrad
Übermalte Fotografie: (E-E) Evgenij Kozlov

Hier in Verbindung mit Übermalungen. Der Film Leto verwendet bei den Videoclips ähnliche Effekte, und vielleicht hat der Regisseur sich bei Kozlovs Fotos Anregungen geholt.

Der musikalische und künstlerische Untergrund war im Westen nicht nur weitgehend unbekannt. Man konnte sich hier nicht einmal vorstellen, dass abseits der offiziellen Kultur – Ballett und Balalaika – noch etwas Wesentliches existierte. Man kannte lediglich die Namen einiger politischer Dissidenten wie Andrei Sacharow oder wichtiger Schriftsteller wie Alexander Solschenizyn.

Die Szene wird in jüngster Zeit international wiederentdeckt


10.
VISION, China, no 175, August 2018 New Russian Aesthetics Resurgence  Übermalte Fotografie: (E-E) Evgenij Kozlov ‘Popular Mechanics’ Leningrad 1986


VISION, China, no 175, August 2018
New Russian Aesthetics Resurgence

Übermalte Fotografie: (E-E) Evgenij Kozlov ‘Popular Mechanics’
Leningrad 1986

Hier dasselbe Foto – 2018 in der chinesischen Zeitschrift „Vision“ mit der Überschrift New Russian Aesthetics Resurgence.


11.
Ausstellungskatalog „Notes from the Underground” herausgegeben von David Crowley und Daniel Muzyczuk, Walther König Verlag 2017 S. 426/427. Der „Leningrader“ Raum. Links ein Videoclip von Joanna Stingray mit der Gruppe KINO Gemälde von (E-E) Evgenij Kozlov. Objekt: Timur Noikov und Ivan Sotnikov


www.e-e.eu/Notes-from-the-Underground
Ausstellungskatalog „Notes from the Underground” herausgegeben von David Crowley und
Daniel Muzyczuk, Walther König Verlag 2017
S. 426/427. Der „Leningrader“ Raum.
Links ein Videoclip von Joanna Stingray mit der Gruppe KINO
Gemälde von (E-E) Evgenij Kozlov.
Objekt: Timur Noikov und Ivan Sotnikov

Wie lebendig die europäische Szene „hinter dem eisernen Vorhang“ in Wirklichkeit war, konnte man in der großen Ausstellung „Notes from the Underground“ sehen. Sie wurde 2016 im Kunstmuseum Lodz, Polen und 2018 in der Akademie der Künste, Berlin, gezeigt. Kozlovs Gemälde, Grafiken und übermalte Fotografien vertraten Leningrad. Darunter war auch seine große Kino-Collage.


12.
Notes from the Underground Art and Alternative Music in Eastern Europe 1968–1994 Akademie der Künste Berlin, Germany, 15.03.2018–06.05.2018 Kuratoren: David Crowley and Daniel Muzyczuk Collage: (E-E) Evgenij Kozlov Objekt: Timur Novikov und Ivan Sotnikov Im Bild E-E

www.e-e.eu/Notes-from-the-Underground-Berlin
Notes from the Underground
Art and Alternative Music in Eastern Europe 1968–1994
Akademie der Künste Berlin, Germany, 15.03.2018–06.05.2018
Kuratoren: David Crowley and Daniel Muzyczuk
Collage: (E-E) Evgenij Kozlov
Objekt: Timur Novikov und Ivan Sotnikov
Im Bild E-E

Tatsächlich sind die 1980er Jahre in der europäischen Nachkriegsgeschichte nicht nur in kultureller Hinsicht, sondern insgesamt eine besondere Zeit, vor allem von heute aus gesehen. Der Mauerfall 1989 ist für meine Generation die wichtigste geschichtliche Zäsur, die jedoch nur im Rückblick logisch erklärt werden kann. Dies ist gut mit dem Titel eines Buches von Alexei Yurchak, einem russisch-amerikanischen Anthropologen ausgedrückt. Er beschreibt die letzte Phase der Sowjetunion aus der Sicht des täglichen Miteinanders und gab seinem Buch den Titel „Everything was forever until it was no more". Also in etwa „Alles schien für die Ewigkeit gemacht, und dann war es plötzlich weg“. Hier stellt sich natürlich die Frage, wo das Ende seinen Beginn hatte. In dieser Hinsicht bietet die Leningrader Untergrundszene der 1980er Jahre interessante Einsichten.

Die Filmkritik von Leto im britischen Guardian benutzt dafür eine recht pathetische Metapher, wenn es heißt – ich übersetze – „Diese Leute waren wie Urchristen, die sich heimlich ihrem Gottesdienst widmeten. Damit lösten sie aber die ersten Steine aus der Berliner Mauer.

[Englischer Text: These people were like the early Christians, worshipping in secret. And what they were doing was removing the first bricks from the Berlin Wall. https://www.theguardian.com/film/2018/may/10/leto-review-kirill-serebrennikov .]

Ob diese Interpretation schlüssig ist, werden Sie in gut zwei Stunden sagen können. An dieser Stelle möchte ich zunächst dem Klarinettisten und Journalisten Hans Kumpf dafür danken, dass er mich auf die Vorführung von Leto im Kino im Schafstall aufmerksam gemacht hat. Er ist in Schwäbisch Hall ja nicht ganz unbekannt. Mit ihm bin ich seit einiger Zeit im elektronischen Briefwechsel, weil er außergewöhnlich interessantes Material zur sowjetischen Freejazzszene der 1980er Jahre besitzt. Er hat mit vielen der wichtigsten Musikern gespielt und diese Begegnungen außerdem noch hervorragend dokumentiert durch Artikel, Fotos und sogar mit der Herausgabe von Schallplatten. Vieles davon habe ich mit seiner Erlaubnis ebenfalls auf unserer Webseite publiziert.
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Und nun zum Film


13.
Actress Irina Starshenbaum, centre, holds a sign with the name of the banned director, Kirill Serebrennikov, as she poses with producer Charles-Evrard Tchekhoff, from left, actors Roma Zver, Teo Yoo, director of photography Vladislav Opelyants and producer Ilya Stewart upon arrival at the premiere of the film ‚Leto‘ at the 71st international film festival, Cannes, southern France, Wednesday, May 9, 2018. (Photo by Joel C Ryan/Invision/AP)


https://wtop.com/arts/2018/05/2-directors-barred-at-home-still-speak-loudly-at-cannes/
Actress Irina Starshenbaum, centre, holds a sign with the name of the banned director, Kirill Serebrennikov, as she poses with producer Charles-Evrard Tchekhoff, from left, actors Roma Zver, Teo Yoo, director of photography Vladislav Opelyants and producer Ilya Stewart upon arrival at the premiere of the film ‚Leto‘ at the 71st international film festival, Cannes, southern France, Wednesday, May 9, 2018.
(Photo by Joel C Ryan/Invision/AP)


„Leto“ – „Sommer“ – ist ein Film des weltweit geschätzten russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov, Spezialist für Theater, Ballett und Oper, der unter anderem am Stuttgarter Staatstheater inszenierte und auch in seinem Heimatland vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Leto erregte bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 enormes Aufsehen. Dies nicht zuletzt, weil Serebrennikov nicht zur Vorführung erscheinen konnte: er wurde im August 2017 verhaftet und ist derzeit in Moskau in einem Schauprozess der Veruntreuung von Staatsgeldern angeklagt.


14.
Kirll Serebrennikov am 21. Januar 2019 auf dem Weg zum Gerichtstermin, Moskau Photo: Artyom Geodakyan (TASS)


Kirll Serebrennikov am 21. Januar 2019 auf dem Weg zum Gerichtstermin, Moskau
Photo: Artyom Geodakyan (TASS)


Seit über einem Jahr befindet er sich unter Hausarrest und kann nur noch über seinen Anwalt kommunizieren. Bei Serebrennikovs Verhaftung war der Film so gut wie abgedreht, und den Schnitt besorgte der Regisseur in seiner Wohnung. Im vergangenen Monat erhielt Leto Preise der russischen Kinokritiker für beste Regie, Ausstattung und Musik 2018. Die Musik wurde bereits mit dem „Cannes Soundtrack Award“ ausgezeichnet.

Ich will jetzt keine Parallelen ziehen von Serebrennikovs Situation zur politischen Situation, die in Leto dargestellt wird. Ich kann aber auf solche Fragen nach dem Film eingehen, falls es zu einer Diskussion kommt.


15.
Mike Naumenko und Viktor Tsoy, Leningrad Photo: Internet, Autor und Datum unbekannt.


Mike Naumenko und Viktor Tsoy, Leningrad
Photo: Internet, Autor und Datum unbekannt.


Vielmehr möchte ich Ihnen einige Fakten nennen, auf denen der Film aufbaut, denn es handelt sich ja um die Inszenierung von realen Figuren an einem realen Ort und zu einem genauen Zeitpunkt, nämlich die Rockszene Leningrads zu Beginn der 1980er Jahre.

Im Mittelpunkt stehen der damals in seinen Kreisen sehr bekannte Musiker Mike Naumenko sowie Viktor Tsoy, der künstlerisch am Anfang stand und von Naumenko protegiert wurde. Während Tsoy zum berühmtesten Rocksänger der vormaligen UdSSR avancierte, ist Naumenko heute nur noch Kennern der Szene ein Begriff.


16.
Mike Naumenko auf der Ausstellung „Realia of Russian Rock“, Leningrad, 1991 Foto: Hannelore Fobo


www.e-e.eu/Realia-of-Russian-Rock
Mike Naumenko auf der Ausstellung „Realia of Russian Rock“, Leningrad, 1991
Foto: Hannelore Fobo

Die letzte Dekade der Sowjetunion, die bekanntlich 1991 auseinanderbrach, als die Teilrepubliken für ihre Unabhängigkeit stimmten, brachte für Kulturschaffende gewaltige Änderungen. Zum ersten Mal seit der Oktoberrevolution gelang es ihnen, sich Schritt um Schritt von Zensur und staatlicher Bevormundung zu befreien. Dabei zählen die frühen 1980er Jahre noch zur Periode der Stagnation. 1979 kam es zur sowjetischen Intervention in Afghanistan. Daraufhin boykottierten westliche Länder die Olympischen Sommerspiele in Moskau 1980. Von diesen Spielen hatte sich aber die intellektuelle Elite der Sowjetunion eine gewisse Öffnung in kultureller Hinsicht erhofft.

Dennoch begann der KGB nach der Olympiade damit, für unabhängige Künstler, Schriftsteller und Musiker einige halbstaatliche Vereinigungen zu gründen bzw. ihre Gründung zu dulden, um auf diese Weise die vermutete oder echte Opposition der kreativen Szene zu kanalisieren und zu infiltrieren. Das waren in Leningrad im Jahre 1981 drei Vereinigungen: der Club der Literaten, die Gesellschaft für experimentelle Kunst und der Rock-Club.
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17.
Foto links: Viktor Tsoy Foto rechts: Sergey Kuryokhin (links). Rechts im Bild: Boris Grebenshikov und Grigory Sologub Rock Club, Leningrad, Konzert „Pop Mekhanika“ und Performance, 1985  Fotos: (E-E) Evgenij Kozlov



www.e-e.eu/Pop-Mekhanika
Foto links: Viktor Tsoy
Foto rechts: Sergey Kuryokhin (links). Rechts im Bild: Boris Grebenshikov und Grigory Sologub
Rock Club, Leningrad, Konzert „Pop Mekhanika“ und Performance, 1985

Fotos: (E-E) Evgenij Kozlov

Formell handelte es sich jeweils um Clubs von und für Amateure, denn der Status des Profis war an strikte Voraussetzungen gebunden, hauptsächlich an einschlägige Studienabschlüsse, über die die wenigsten der sogenannten inoffiziellen Künstler verfügten.

Der KGB-Offizier Oleg Kalugin war 1980-1987 Stellvertretender Leiter des KGB für Leningrad und das Leningrader Gebiet und zuständig für die Bekämpfung sogenannter „ideologischer Abweichungen“. In einem Interview im Jahre 1992 kommentierte er die Gründung des Rock-Clubs folgendermaßen:

    Der KGB schuf in Leningrad den Rock-Club, er war sein Sponsor, und die unmittelbaren Organisatoren unsere Agenten. Wir haben versucht, die anarchischen Tendenzen in der Musikszene der Stadt unter Kontrolle zu bekommen, aber objektiv gesehen war die Gründung des Rock-Clubs für die Gesellschaft positiv.

    [Zitiert nach einer Veröffentlichung von 2003 in
    Argumenty i Fakty: КГБ создал в Ленинграде рок-клуб, был его спонсором, а непосредственные организаторы - нашими агентами. Да, Комитет стремился поставить под контроль анархические тенденции в музыкальной жизни города, но объективно создание рок-клуба было полезным для общества! http://www.aif.ru/archive/1678871]

Der Leningrader Rock-Club war nicht nur der erste sowjetische Rock-Club überhaupt, sondern wurde mit seinen Festivals und Auszeichnungen auch Vorbild für die nicht sehr zahlreichen sowjetischen Rock-Clubs. Die Bekanntheit, die dort beispielsweise Mike Naumenko mit seiner Gruppe Zoopark oder Viktor Tsoy mit Kino erreichten, erleichterte ihnen in der Perestroika-Zeit, also nach 1985, den Schritt auf die großen Bühnen der Sowjetunion. Kino füllte sogar Fußballstadien.

Serebrennikov hat sich in seinem Biopic jedoch für die frühe Zeit des Rock-Club entschieden. Ihm kam es offensichtlich darauf an, die Besonderheit der Leningrader Szene zu zeigen, in der sich zahlreiche Bands gründeten.


18.
Alexander Titov, Bassist der Gruppe KINO von 1984-1986 Das Plakat mit Widmung und Collage ist ein Geschenk von E-E. London, 2018. Foto: Hannelore Fobo


www.e-e.eu/Alexander-Titov
Alexander Titov, Bassist der Gruppe KINO von 1984-1986
Das Plakat mit Widmung und Collage ist ein Geschenk von E-E.
London, 2018. Foto: Hannelore Fobo

Alexander Titov, Bassist von KINO von 1984 bis 1986, charakterisierte sie in einem Interview mit mir im vergangenen Dezember:

    Für uns war es eine magische Zeit. Wir fühlten uns als Auserwählte, wir kannten uns seit langem, Künstler und Musiker waren miteinander aufgewachsen. Später kamen andere dazu aus der Provinz, die sich der Szene anschließen wollten. Aber anfangs waren wir nicht mehr als vielleicht einhundert, und da es keine Mobiltelefone gab, trafen wir uns jeden Tag im Café Saigon. Das war unsere Informationsbörse, und wenn irgendwo etwas los war, dann gingen wir alle gemeinsam hin. Keiner musste ernsthaft arbeiten. Das war ausschlaggebend. Wir waren alle frei wie Vögel. mehr>>

Zwischen Kalugins und Titovs Aussagen gibt es einen starken Kontrast – auf der einen Seite die Überwachung durch den Staat, die nach den Vorstellungen des KGB bis in die letzte Bäckerstube reichen sollte, wie Kalugin in seinem Interview sagte. Auf der anderen Seite der Drang nach absoluter Freiheit der Kreativität bei den jungen Künstlern und Musikern.

Dieser Kontrast findet sich auch im Film. Die Verwirklichung der künstlerischen Freiheit wird von Serebrennikov jedoch sehr viel eindrücklicher dargestellt als die staatliche Repression, und das gibt dem Film seine positive Wirkung.


19.
Andrey Tropillo (rechts) in seinem Tonstudio. Aufnahme mit der Gruppe Aquarium. Im Bild Boris Grebenshikov Foto: A. Usov, Leningrad 1980er Jahre


Andrey Tropillo (rechts) in seinem Tonstudio.
Aufnahme mit der Gruppe Aquarium.
Im Bild Boris Grebenshikov
Foto: A. Usov, Leningrad 1980er Jahre

Selbst die Abwesenheit finanzieller Möglichkeiten hatte für die sogenannten Amateure einen befreienden Aspekt: Es gab kein Karrieredenken, das Freunde zu Konkurrenten machte. Dies förderte die gegenseitige Unterstützung bei künstlerischen Produktionen. Diesen Aspekt stellt der Film besonders heraus. Die bereits bekannteren Musiker produzieren Viktor Tsoys Aufnahme im halblegalen Tonstudio von Andrey Tropillo.


20.
Kopiergeräte für Schallplatten und Tonbänder in einer Privatwohnung Leningrad, Ende der 1970er Jahre Foto: (E-E) Evgenij Kozlov


Kopiergeräte für Schallplatten und Tonbänder in einer Privatwohnung
Leningrad, Ende der 1970er Jahre
Foto: (E-E) Evgenij Kozlov

Von solchen Mastertapes konnte man auf Cassette oder Tonband solange Kopien ziehen und verkaufen, bis die Originalbänder verschlissen waren. Die Kopien ersetzen Schallplatten, das Monopol des staatlichen Plattenlabels Melodya, das nicht daran dachte und auch nicht daran denken konnte, diese Gruppen unter Vertrag zu nehmen.

Vor dem Hintergrund dieser Freundschaften setzt Serebrennikov, um die Handlung voranzutreiben, ein bewährtes dramaturgisches Mittel ein. Die Freundschaft wird gefährdet durch eine Dreiecksbeziehung, nämlich das – übrigens nicht verbürgte – Techtelmechtel zwischen Viktor Tsoy und Naumenkos Frau Natalia.


Mit anderen Worten, aus künstlerischen Gründen hält sich Serebrennikov durchaus nicht immer an die Fakten, obwohl er bei den Schauspielern Wert darauf legt, dass sie den Figuren, die sie verkörpern, äußerlich und gesanglich ähneln. Das gelingt unterschiedlich gut. Tsoy, den der Deutsch-Koreaner Teo Yoo spielt, wird sogar doppelt synchronisiert – mit einer Sprech- und einer Gesangstimme.

Das Spiel mit der Fantasie im Sinne eines „wie es hätte sein können“ ist am offensichtlichsten in den Videoclips. Es sind Lieder von Talking Heads, Iggy Pop, Lou Reed, und Mott the Hoople – das, was man in der Szene so hörte. Wie bei einem Musical sind sie in die Handlung eingebaut und werden von den Schauspielern gecovered.


21.
„Skeptik“ im Lenigrader Rock Club. Szene aus dem Film „Leto“.


„Skeptik“ im Lenigrader Rock Club.
Szene aus dem Film „Leto“.

Aus irgendeinem Grund findet Serebrennikov es aber charmant, seine eigene Fantasie ironisch zu kommentieren. In den Clips taucht wie eine Art Springteufel eine Person namens Skeptik auf. Dieser Skeptiker hält ein Schild hoch mit der Aufschrift Этого не было „Das ist nie passiert“.

Zu diesem Wink mit dem Zaunpfahl, oder, vornehmer ausgedrückt, Verfremdungseffekt brechtscher Manier, bemerkte der Kritiker der russischen Zeitschrift „Snob“: „Man möchte den Regisseur bitten, dass er den Zuschauern gestattet, sich den Film in Ruhe anzuschauen.“


22.
Boris Grebenshikov Foto: Internet, Autor nicht bekannt


Boris Grebenshikov
Foto: Internet, Autor nicht bekannt

An Serebrennikovs künstlerischer Bearbeitung des Stoffs scheiden sich die Geister.

Dies zeigte die Reaktion von Boris Grebenshikov, einem der Gründerväter der Leningrader Rockszene, der im Film ebenfalls nachgespielt wird. Das erste Drehbuch kommentierte er mit dem Worten, es handele sich um eine "Moskauer Hipster-Darstellung" – ein Seitenhieb auf die Moskauer Szene, der von Seiten Sankt Petersburgs schon immer vorgeworfen wurde, sie habe kein Verständnis für die besondere Stimmung der Stadt.


23.
(E-E) Evgenij Kozlov New Composers 6x6 schwarz-weiß Negativ mit Kratztechnik 1985


www.e-e.eu/Insect-Culture
(E-E) Evgenij Kozlov
New Composers
6x6 schwarz-weiß Negativ mit Kratztechnik
1985

Naumenko besingt die Atmosphäre zum Schluss des Filmes: „Die Stadt hat ihre eigenen Narren, ihre eigenen Heiligen, Ihre Oscar Wildes und Jeanne d’Arcs“. Aus dieser Stimmung schöpfen die Leningrader Künstler ihr Selbstbewusstsein, ihr Vertrauen in ihre Kunst.

Für den westlichen Zuschauer dürften solche Widersprüche zwischen Fakt und Fiktion keine Rolle spielen. Interessanter ist vielleicht, warum Serebrennikov die Frage, welches Opfer die Kunst verlangt, nicht weiter verfolgt – vielleicht, weil der russische Zuschauer diese Frage ohnehin intuitiv mit Viktor Tsoys frühem Tod verknüpft: am 15. August 1990 stirbt das Idol einer ganzen Generation im Alter von 28 Jahren bei einem Autounfall. Mike Naumenko überlebt ihn nur um ein Jahr. Er wird 36 Jahre alt.


24.
Gedenkmauer für Viktor Tsoy, Moskau, Alter Arbat. Foto: Limitchik, 2013


https://en.wikipedia.org/wiki/Tsoi_Wall
Gedenkmauer für Viktor Tsoy, Moskau, Alter Arbat.
Foto: Limitchik, 2013

Speziell der deutsche Zuschauer hätte beim Thema Treue und Verrat in einen Film über den russischen Rock wohl eine andere Konstellation erwartet – nämlich den Verrat von Freunden an den Geheimdienst, so wie wir das aus dem Film „Das Leben der Anderen“ kennen. Gerade die Rockszene hatte aus gewissermaßen beruflichen Gründen jede Menge Kontakte zu Ausländern, woran der KGB sehr interessiert war. Das Thema spielt in Russland jedoch kaum eine Rolle, nicht nur, weil anders als in einigen Staaten des ehemaligen Ostblocks die Akten unter Verschluss gehalten werden.

Vermutlich wäre diese Art von Verrat dramaturgisch weniger ergiebig gewesen als eine Dreiecksgeschichte. Ich zitiere noch einmal den ehemaligen KGB-Offizier Oleg Kalugin, und zwar mit seiner Antwort auf die Frage, wer denn nun eigentlich Informant des KGB war:


    Warum sollte ich jetzt die Namen dieser jungen Burschen und Jazzspieler nennen? Vielleicht machen sie sich selbst ihr ganzes Leben lang Vorwürfe deswegen. Sie haben ja nichts Schlechtes getan, wussten von nichts und hatten keine Leitungsfunktion inne. Gut, sie zeigten vielleicht Schwäche, aber sie waren doch ehrlich und anständig. Einige von ihnen sind ziemlich berühmt geworden …

    [Zitiert nach einer Veröffentlichung von 2003 in
    Argumenty i Fakty: Зачем же теперь раскрывать этих мальчиков-джазистов? Может, они и так клясть себя всю жизнь будут, мучиться? Они же не принесли вреда, были незнающими и не ведающими ребятами, пусть проявившими слабость, но честными и порядочными. Некоторые из них сейчас стали известными людьми... http://www.aif.ru/archive/1678871]


Mit der Harmlosigkeit dieser „anständigen Jungs“, wie Kalugin sie reichlich gönnerhaft nennt, lässt sich natürlich keine Spannung erzeugen. In der Tat durchzieht eine naive Sorglosigkeit den gesamten Film. Selbst der Punker ist einfach nett. Leto – Sommer – gesungen am Anfang des Films, ist das Lied über einen, der sich treiben lässt.

Ist „Leto“ also Ist eine bittersüße Sommerkomödie? Oder doch ein Film über ein gefährliches Phänomen namens russische Rockmusik, welches die Berliner Mauer zum Einsturz brachte, wie der britische Filmkritiker meinte?

Serebrennikov legt sich nicht fest, deutet aber an, dass es für ihn keine lineare Entwicklung vom falschen zum richtigen Leben gibt.

Das letzte Lied des Films, das den Abspann begleitet, ist das einzige Lied, das wir in der Originalfassung hören. Es ist von Viktor Tsoy und heißt „Kontschitsia leto“ [Кончится лето] – Der Sommer geht zu Ende. Trotz seines schnellen Rhythmus’ ist es ein melancholisches Lied, in dem davon die Rede ist, dass sich alles endlos wiederholt. Es ist eines der letzten Lieder Tsoys und wurde 1990 posthum veröffentlicht. Mit diesen beiden Liedern, „Sommer“ und „Der Sommer geht zu Ende“, verklammert Serebennikov eine ganz Epoche, deren ambivalentes Ende aufscheint.

Was zwischen Anfang und Ende liegt, weiß der russische Zuschauer bestens, etwa Viktor Tsoys epochales „Хочу перемен“ „Ich will Veränderungen“ von 1986, das zum Soundtrack der Perestroika wurde – übrigens gegen den Willen der Gruppe Kino – oder Дальше действовать будем мы – Jetzt übernehmen wir, seit 2011 von einer Bank als Slogan verwendet.

Die Dynamik des „dazwischen“ ist ohne die Texte Tsoys nicht denkbar. Vor allem die späteren Texte umfassen mit knappsten Formulierungen die menschliche Existenz, zum Beispiel im „Lied ohne Worte“, wenn es heißt „Wo eine Herde ist, ist auch ein Hirte, wo ein Körper ist, ist auch ein Geist, wo ein Schritt ist, ist auch eine Spur, wo Finsternis ist, ist auch Licht“. [Если есть стадо - есть пастух, если есть тело - должен быть дух, Если есть шаг - должен быть след, если есть тьма - должен быть свет.]

Gesungen zum Rhythmus des RocknRoll, entfalten diese Bilder magische Wirkung – und sind alles andere als harmlos. Sie sind das Gegengift zur einseitigen Propaganda jeglicher Art und stärken das seelische Immunsystem. Deswegen sind sie nicht zeitgebunden, und das macht sie zu Klassikern.


25.
Symphonisches Konzert mit der Musik der Gruppe KINO. An der E-Gitarre Yury Kasparan, langjähriges Mitglied der Gruppe. Oktober-Saal, Sankt Petersburg, 2015. Foto: Hannelore Fobo


Symphonisches Konzert mit der Musik der Gruppe KINO.
An der E-Gitarre Yury Kasparan, langjähriges Mitglied der Gruppe.
Oktober-Saal, Sankt Petersburg, 2015.
Foto: Hannelore Fobo

Es war für mich wirklich ein Erlebnis, als bei einem symphonischen Konzert von Kino ein kleiner Junge, der neben mir saß, jedes Lied inbrünstig mitsang.

Aber das wird von Ihnen jetzt nicht erwartet. Genießen Sie einfach die nächsten beiden Stunden. Viel Spaß.


Den Soundtrack zum Film gibt es auf Youtube:
https://www.youtube.com/watch?v=84OaS2-tNiM



Uploaded 10 February 2019